Geyer-Liturgie
Mathias Eberle gibt die Geyer-Liturgie 1864/1894 neu heraus
Eberle, Mitverantwortlicher der Internetpräsenz
„Edition Punctum Saliens“, legt diese schwer zugängliche Liturgie, entstanden nach der Trennung des Propheten Heinrich Geyer von den katholisch-apostolischen Gemeinden, der Öffentlichkeit in einer Neuherausgabe vor.
Edition Punctum Saliens - Geyer-Liturgie 1864/1894 Neuherausgabe von Mathias Eberle
Heinrich Geyer (1818-1896), bis 1863 Prophet der katholisch-apostolischen Gemeinden (KAG), war nach seiner Suspendierung im Amt und seiner Exkommunikation durch Apostel Francis Valentine Woodhouse Mitbegründer der Allgemeinen christlichen apostolischen Mission (AcaM).
Aufgrund weiterer Spaltung entstand aus der AcaM heraus die heutige Neuapostolische Kirche (NAK).
Die neue Buchveröffentlichung zeigt, dass sein Einfluss auf die sogenannten
„apostolischen Gemeinschaften“ viel größer ist als bisher angenommen.
Wir schreiben das Jahr 1864. Noch unter dem Eindruck der Trennung der Hamburger Gemeinde von der KAG stellt der Hamburger Prophet Geyer ein neues Gottesdienstbuch zusammen - vorläufig, schnell - damit die kleinen Gemeinden der AcaM bald wieder klare Anweisungen haben, wie die Gottesdienste abzuhalten sind.
Er muss dabei vorsichtig vorgehen; die Liturgie der KAG einfach weiterzuverwenden, kommt nicht in Frage, und nicht einmal das Abschreiben einzelner Gebete ist möglich, denn schon 1857 hatte der Norddeutsche Bund ein allgemeines Urheberrecht eingeführt.
So bleibt für Geyer nur ein Weg: er muss alle Gebete so umformulieren, dass sie zwar sinngemäß dem entsprechen, was er in seiner Zeit in der KAG kennengelernt hat, aber die Gegenseite keine Handhabe finden, ihn anzuzeigen.
Geyer geht diese Aufgabe mit großer Zähigkeit an. Dabei kommt ihm entgegen, dass Apostel Francis Valentine Woodhouse nach dem Tod von Apostel Thomas Carlyle 1855 im Bereich Norddeutschland Änderungen der Liturgie vornahm, die Geyer kritisch sieht. Woodhouse entfernt viele der aus dem protestantischen Bereich stammenden Lieder aus dem Hauptteil der Liturgie; sie werden stattdessen in ein neues Gesangbuch (Hymnologium) ausgelagert. Die Lieder aus dem Hymnologium können aber nur bei bestimmten Gelegenheiten verwendet werden – aus dem Hauptgottesdienst werden sie dauerhaft entfernt.
Andere Gebräuche, die unter Carlyle gepflegt wurden, werden ebenfalls gestrichen, wie die Konfirmation. So bekommt die Liturgie unter Woodhouse einen eher katholischen Einschlag, der sich über die Jahrzehnte in der KAG erhalten soll.
Der Volksschullehrer Geyer ist dagegen zutiefst geprägt von evangelischen Traditionen. Früh gründet er das christliche Heim „Bethesda“ für „verwahrloste Kinder“, das erste seiner Art im Königreich Hannover, und gehört so zu den frühen Pionieren kirchlich organisierter Diakonie und der Diakonischen Werke der Evangelischen Kirche. Wie er kommen auch andere hohe Amtsträger der KAG in Norddeutschland aus protestantischen Kreisen, so Heinrich Wilhelm Josias Thiersch, der anerkannte Marburger Professor der Theologie und spätere „Apostolische Hirte“.
Apostel Carlyle greift in seinen frühen liturgischen Werken von 1849 und 1850 diese Traditionen auf. Es ist nicht verwunderlich, dass sich Geyer 1864 zunächst wieder den frühen Arbeiten Carlyles zuwendet. Maßgeblich benutzt er die verbreitete Liturgie von 1850, und bestückt sie mit einigen Elementen aus anderen Büchern. Gelegentlich greift er auch zur Liturgie von Woodhouse aus dem Jahr 1860, wenn er dort Elemente findet, die ihm gut und passend erscheinen. Dabei muss er immer darauf achten, die Texte umzuformulieren. Er nutzt die Gelegenheit, und vereinfacht die Kirchensprache etwas - macht sie populärer, menschennäher.
Bei der Formel der Absolution (Lossprechung/Sündenvergebung) unterläuft ihm ein Fehler. Er versucht, den Text zu vereinfachen und zu konkretisieren. Die KAG benutzt folgenden Text:
Der allmächtige Gott, der Seinen Sohn Jesum Christum dahingegeben hat zum Opfer und zur Versöhnung für die Sünden der ganzen Welt, schenke euch um Seinetwillen völlige Erlassung und Vergebung; Er spreche euch los von allen euren Sünden und gebe euch Seinen Heiligen Geist. A. Amen.
(siehe „Die Liturgie und andere Gottesdienste der Kirche – Erster Teil – Augsburg 1967 – Druck: J. P. Himmer KG)
In der Absolution erbittet der Zelebrant die Vergebung der Sünden durch Gott.
Geyer stellt die Formel um. Nun vergibt der Zelebrant
„im Auftrag seines Apostels“ direkt die Sünden. Er nimmt damit die Stellung Gottes ein und nimmt Ihm die Entscheidung darüber ab, ob eine Sünde überhaupt zu diesem Zeitpunkt vergeben werden kann oder nicht. Hier unterläuft Geyer der Fehler: nun werden jedem im Gottesdienst direkt die Sünden vergeben, selbst wenn eine Sünde nicht bereut wurde.
1878 vollzog sich eine neuerliche Spaltung innerhalb der AcaM: Ein Teil blieb AcaM und ein Teil wurde zur „Apostolischen Gemeinde“, der heutigen NAK.
Die fehlerhafte Formel der Absolution wird nie korrigiert; sie bleibt bis heute theologisch fragwürdig, ein Kuriosum, vielleicht die umfassendste Pauschalvergebung der christlichen Welt.
Geyer erkennt seinen Fehler später. Als er im Jahr 1894 für die verbliebene Restgemeinde eine zweite Ausgabe herausgibt, ergänzt er die Vergebung um eine Formel, die die Lossprechung wieder auf die „aufrichtig bereuten“ Sünden einschränkt. Diese zweite Liturgie von 1894 hat aber auf die Entwicklung der späteren NAK keine Auswirkungen mehr.
Die Liturgie. - Andachtsbuch zum Gebrauch bei allen Gottesdiensten der christlichen Kirche (Hamburg, 1864). Kommentierte Neuausgabe mit den Änderungen der zweiten Auflage von 1894.
Herausgegeben von Mathias Eberle. Erschienen bei der Edition Punctum Saliens, http://editionpunctum-saliens.de/liturgie1864.php, bis zum 14.7.2008 zum ermäßigten Preis von 24,90 Euro.
15. Mai 2008 - Mathias Eberle, Folkmar Schiek
Drucken 15.05.2008. 20:00