Gebete am Tage vor Pfingsten
Der Tag vor Pfingsten wird als ein Tag der Buße und Trauer wegen der begangenen Sünden, insbesondere in Beziehung auf die Gaben des Heiligen Geistes, begangen - im Sinn und Geiste der Apostel des HErrn.
Erstes Gebet
[Die Verwerfung des apostolischen Amtes]
O HErr, Du hast uns als Deine Kinder ernährt und auferzogen, aber wir haben uns gegen Dich empört. Das ganze Haupt ist krank, und das ganze Herz ist matt. Als Du am Anfange den Heiligen Geist herabsandtest, und in der Herrlichkeit desselben Geistes inmitten Deiner Kirche Wohnung machtest, da wurden Deine Apostel ausgestattet mit Kraft und Weisheit, um Dein Haus zu ordnen, und Deine Herde klüglich zu leiten: alle Gläubigen blieben beständig in der Apostel Lehre und Gemeinschaft, und es kam große Furcht über alle Seelen. Wir aber, o HErr, haben Deine Furcht verlassen, Deine Herrschaft und Leitung verachtet, und Dich als unsern König verworfen.
Dein Reich, das von oben ist, haben wir vergessen; wir haben unsere Ruhe auf Erden gesucht, und sind in harte Knechtschaft unter den Herrschern dieser Welt geraten. Durch diese unsere Sünde, die Sünde vieler Geschlechter, sind wir von den Wegen Deines Reiches abgewichen; Deine milde und liebevolle Leitung ist unbekannt geworden: an ihre Stelle ist die Macht dieser Welt getreten, die Herrschaft und das Ansehen der Menschen sind in das Heiligtum des HErrn eingedrungen. O HErr, Du kennest unsere Unterdrückung und unsere Leiden. Die Könige der Erde üben Gewalt in Deiner Kirche nach ihrer Willkür, und verwenden deren geistliche Kräfte zu ihrem eigenen Vorteil. Du siehest, wie der Glaube gewichen ist, und die Liebe erkaltet. Niemand nimmt die Wahrheit von denen an, welche Du verordnest, sondern ein jeder wählt sich seine eigene Lehre; und die Einheit des Friedens und der Liebe, die Einheit der Gläubigen in dem Heiligen Geiste ist verwandelt in zahllose Spaltungen und gegenseitigen Haß. Die Krone ist von unserm Haupte gefallen; wehe uns, daß wir gesündiget haben. Die Strafe unseres Stolzes ist über uns gekommen. Unsere Väter haben gesündigt, und wir tragen ihre Missetaten. Knechte herrschen über uns, und niemand ist, der uns aus ihren Händen befreie. Erbarme Dich, erbarme Dich unser, allbarmherziger Vater; habe Mitleid mit unserem Elende und unserer Bekümmernis. Sammle Deine Zerstreuten wieder zu Dir; zerbrich das Joch unserer Gefangenschaft, und laß den Menschen der Erde nicht mehr Unterdrückung üben. Gib uns wieder unsere Richter wie vor Alters, und unsere Ratgeber wie am Anfang. Setze unsere Füße in Freiheit, damit wir laufen den Weg Deiner Gebote. A. Amen.
Zweites Gebet
[Der Verlust der Ordnungen der Kirche]
O HErr, allmächtiger Gott, als durch die Ausgießung des Geistes der Liebe und der Kraft Deine Kinder in Deine Hürde versammelt und zu Deiner Herde gemacht worden waren, da gabest Du köstliche Ämter, Deine vollkommenen Ordnungen, um Deine Geliebten vor aller Gefahr zu schützen, und ihnen alle notwendige Gnade und Hilfe mitzuteilen. In allen Stücken sorgtest Du für ihre Leitung und Bewahrung. Neben Deinen Aposteln setztest Du die Ämter der Propheten, Evangelisten und Hirten ein. Über alle Gemeinden der Heiligen verordnetest Du Deine Engel, Priester und Hirten. Wie groß ist Deine Weisheit! Wie reich Deine Güte! Was hättest Du mehr tun können für Deinen Weinberg, das Du an ihm nicht getan? Aber wir haben Dir nicht die gebührenden Früchte getragen. Herlinge haben wir gebracht, Beeren Sodoms und Trauben Gomorrhas. Und siehe, der Feind ist eingedrungen in Dein Heiligtum; er hat den Zaun unter die Füße getreten; er kommt in die Hürde, wie es ihm gefällt. Dein Schafstall ist erbrochen. Deine Schafe sind zerstreut. Viele Deiner Kinder suchen nach Deiner erquickenden Gnade, und kehren leer zurück. Viele irren umher ohne Hirten, und haben niemand, der sie leite oder heimbringe. Sie laden ihnen selbst Lehrer auf nach ihren Gelüsten, und nehmen es nicht zu Herzen, daß die, welche sie hätten lehren sollen, hinweggenommen sind. Solcher unser Verfall ist unserer Sünden Frucht; er ist die Heimsuchung Deiner Hand; denn wir und unsere Väter, unsere Priester, Propheten und Hirten haben Deine Gesetze übertreten, Deine Ordnungen verändert, Deinen ewigen Bund gebrochen. Du aber, o HErr, erbarme Dich unser, denn wir dürsten nach den lebendigen Wassern. Sättige uns mit Deinen Erbarmungen. Tue solches bald, damit wir uns freuen und frohlocken mögen in Dir. Sende aus Deinen Geist und mache alles neu; ja erneuere das Angesicht der Erde. Erbaue die Mauern Deines Zions, und suche uns heim mit Deinem Heil. A. Amen.
Drittes Gebet
[Das Aufhören der Ausübung der Geistesgaben]
O HErr, Gott der Gnade und Wahrheit, groß war die Herrlichkeit der Kirche am Tage der Ausgießung des Heiligen Geistes. Die Menge der Gläubigen war Ein Herz und Eine Seele, erfüllt mit Freude und dem Heiligen Geiste. Deine Hand war ausgestreckt zu heilen; mächtige Zeichen und Wunder, gewirkt in dem Namen Jesu, zeugten von Deiner Gegenwart; und die mancherlei Gaben des Heiligen Geistes wurden allen Gläubigen ausgeteilt nach Seinem Willen, damit ein jeder nach der ihm verliehenen Gnade dieselben gebrauchen möchte zum Nutzen aller. Aber Dein Volk hat Deine Gaben mißbraucht, und Deiner vergessen; sie haben Deine herrlichen Kleinodien genommen und sich daraus Bilder der Menschen gemacht. Und als Du Dich ihnen entzogen hattest in Deinem Zorn, vergaßen sie der Kräfte der zukünftigen Welt und beflissen sich nur der Weisheit und der Machwerke der Menschen. Du aber, o HErr, hast in uns die Erinnerung an Deine vorige Gnade wieder erweckt. Du hast uns einsehen lassen, wovon wir gefallen sind, und uns zu erkennen gegeben, daß wir sind arm und elend, blind und bloß. [Unsere Zeichen sehen wir nicht; kein Prophet ist mehr; und ist keiner bei uns, der da wisse, bis wie lange. Deine große Kraft ist nicht mehr offenbar inmitten Deines Volkes, das sein Vertrauen auf Dich hat fahren lassen; sie ergreifen nicht Deine Stärke und bleiben nicht in der Kraft Deines Lebens.] Du aber bleibest treu. Du bist die Hoffnung Deines Volkes in allen Geschlechtern, Du verschmähest nicht das Gebet der Verlassenen; Du bist getreu Deiner Verheißung, daß Du bei Deiner Kirche bist bis an der Welt Ende. Die Gaben, die Du verliehen, das Unterpfand des verheißenen Erbes, hast Du nie zurückgenommen. So bitten wir Dich denn, o HErr, komm in unsere Mitte, und eile uns mit Deiner mächtigen Hilfe entgegen; erneuere Deinen Bund mit Deiner Kirche, wie in den Tagen ihrer Jugend, und laß Deine Kraft und Deine Herrlichkeit erscheinen in Deinem Heiligtum, wie in den Tagen vor alters. A. Amen.
Viertes Gebet
[Die Verweltlichung der Kirche]
O Gott, Du gestaltetest Deine Kirche zu einem geistlichen Leibe, zum Bilde der himmlischen Dinge. Du verliehest Deinen Auserwählten die Kräfte der zukünftigen Welt, auf daß sie mitten in dieser Welt nicht von dieser Welt wären, sondern werteten auf ihre Erlösung und harreten des Heilandes Jesu Christi, des HErrn, wenn Er nun geoffenbaret werden soll vom Himmel. Du erleuchtetest sie also mit Deiner Gnade, daß jener Tag sie nicht als ein Dieb ergreifen sollte. Du erfülltest sie mit der Hoffnung, die ihnen ein sicherer und fester Anker der Seele wer; und von dieser Hoffnung beseelt, reinigten sie sich gleichwie Er rein ist. Dein Volk aber hat seine Hoffnung fahren lassen, und sich um ein Erbteil hienieden umgesehen. Es hat vergessen, daß Dein Reich nicht von dieser Welt ist, und wollte herrschen ohne den HErrn, und vor Seiner Zukunft den Reichtum, die Macht und Herrschaft der Erde besitzen. Daher ist Streit und Krieg, daher Blutvergießen gekommen. Ja, in Deinem heiligen Namen ist Blut wie Wasser auf der Erde vergossen worden. Auch die, welche von ihren vorigen Sünden gereinigt waren, sind wieder unheilig und unrein geworden. Und nun, o HErr, ist Deine Zukunft vor der Tür, und die Zeit der Heimsuchung, die Zeit der Wiederherstellung aller Dinge ist herbeigekommen. Du hast in unsern Herzen den Morgenstern aufgehen lassen, und, erwachend von unserm Schlaf, sind wir mit Scham und Verwirrung und Furcht erfüllt; denn unsere Augen sind aufgetan, wahrzunehmen, wie tief wir gefallen sind, wie wir durchaus nicht bereit sind, dem HErrn entgegen zu gehen, noch Ihm die Rechenschaft zu geben, die Er fordert. O wer wird den Tag Seiner Ankunft ertragen, und wer bestehen bei Seinem Erscheinen? Denn Er wird sein wie des Feuer des Schmelzers und wie die Lauge der Walker. Dennoch, o HErr, wenden wir uns zu Dir, denn Du wartest darauf, Dich zu erbarmen; Du lässest es Dich gereuen über Deine Knechte, denn Du siehest, daß ihre Kraft dahin ist. Wir warten auf Deine Erscheinung; uns verlanget nach dem Kommen Deines Reiches; wir sehnen uns nach dem Herannahen jenes großen Tages. Reinige uns, o HErr, wir bitten Dich; reinige Dein Volk; läutere uns von allen unsern Schlacken, und nimm hinweg all unser Zinn. Wasche uns rein von allen unsern Missetaten. Gib uns wieder die Freude Deines Heiles, und erhalte uns durch Deinen freudigen Geist. Sende aus, o HErr, Deinen göttlichen, belebenden Geist, und mache alles neu. Laß den Tau Deiner himmlischen Gnade auf uns fallen. Heilige uns, auf daß wir Dir heilig seien. Gieße aus Deine Liebe in unsere Herzen. Rufe Deinem Zion, daß es sich erhebe aus dem Staube, und entbiete der Braut, daß sie sich bereite. A. Amen.
Aus der Liturgie der Apostel
Drucken 26.05.2007. 17:04
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